Medizin und Menschenrechte

Prof. Dr. med. Andreas Frewer, M.A.
Holger Furtmayr
Stephan Kolb
Maren Mylius, Ärztin
Dr. med. Kerstin Krása
Dr. phil. Markus Rothhaar

Am Institut für Geschichte und Ethik der Medizin der Universität Erlangen-Nürnberg besteht erstmals an einer Medizinischen Fakultät in Deutschland der Arbeitsschwerpunkt „Medizin und Menschenrechte“. Medizin und Menschenrechte sind auf vielfältige Weise miteinander verknüpft. Menschenrechtsfragen im medizinischen Alltag sind häufiger als man denkt. Medizinische Versorgung von Menschen ohne Papiere, medizinische Versorgung von Asylbewerbern und Asylanten sind nur einige Beispiele für Deutschland. Aber auch Menschenrechtsverletzungen durch Ärzte, z.B. durch Beteiligung an Todesstrafe oder Folter kommen immer noch in vielen Teilen der Welt vor. In Deutschland stellt sich diese Frage z.B. bei Mithilfe an Abschiebungen nicht anerkannter Asylbewerber oder durch medizinische Gutachten von Asylbewerbern, um das Alter zu bestimmen. Das „Forum Medizin und Menschenrechte“ analysiert medizinische Aspekte der Menschenrechtsarbeit und sensibilisiert die Medizin Studierenden wie auch die Öffentlichkeit mit dem Ziel eines reflektierten und verantwortlichen Handelns im ärztlichen Beruf. Eine differenzierte Auseinandersetzung mit Menschenrechtsverletzungen im Bereich der Medizin liegt gerade für die Region Erlangen-Nürnberg – Nürnberger „Rassegesetze“, „Nuremberg Code of Medical Ethics“ im Ärzteprozess – nahe.

In einer eher theoretischen Perspektive befasst sich der Arbeitsschwerpunkt mit der ethischen und rechtlichen Verortung von Menschenwürde und Menschenrechten bei medizin- und bioethischen Problemfeldern. Ziel ist dabei einmal eine Klärung des Verhältnisses von Menschenwürde und einzelnen Menschenrechten im Hinblick auf medizin- und bioethische Fragen. Zum anderen sollen Möglichkeiten und Grenzen einer Rechte basierten Medizin- und Bioethik reflektiert werden. Praktische Schwerpunkte bilden die Untersuchung und Dokumentation von Menschenrechtsverletzungen (Medizin und Folter, sexualisierte Gewalt), nicht zuletzt aber auch Therapie und „Prophylaxe“ von Menschenrechtsverletzungen, wie z.B. Sexualisierter Gewalt in Kriegen, Folter, Einsatz von Kindern als Soldaten, weiblicher Genitalbeschneidung, um nur einige zu nennen. Eine Reihe der praktischen Schwerpunkte soll im Folgenden näher erläutert werden:

Ärztliche Verantwortung in Menschenrechtsarbeit

Ärzte haben oft eine Schlüsselposition bei Menschenrechtsfragen, weil sie oft die ersten Ansprechpartner für die Opfer sind. Und in vielen Konfliktgebieten direkt bei den Menschen vor Ort wo sie die gesundheitlichen Auswirkungen behandeln. Diese Verantwortung wahrzunehmen sollte ein wichtiges Thema unter Ärzten und auch in der Ausbildung von Medizinstudenten sein. Gesundheitlichen Folgen von Krieg und Trauma zu untersuchen und auf sie hinzuweisen ist ebenso Teil der ärztlichen Verantwortung in Menschenrechtsfragen. Dazu gehören z.B. Auswirkungen unterschiedlicher Waffentypen, wie Atomwaffen, Landminen oder Kleinwaffen.

Weibliche Genitalbeschneidung

Weibliche Genitalbeschneidung ist ein Thema, das man mit Afrika und dadurch als weit weg assoziiert. Es gibt aber viele Afrikanerinnen, die in unserer Gesellschaft leben, die einerseits selbst beschnitten sind und andererseits diese Tradition an Ihren Töchtern weiter fortführen. In Deutschland gibt es unter Medizinern wenig Kenntnis über dieses Thema, sei es über die Hintergründe die gesundheitlichen Auswirkungen, oder wie man diese Frauen unter der Geburt und auch sonst medizinisch betreut.

Sexualisierte Gewalt in Kriegen an Frauen und Kindern

Sexualisierte Gewalt gegen Frauen ist Teil eines jeden Krieges. Sie stellt eine schwere Menschenrechtsverletzung dar. Die psychischen und physischen Auswirkungen dieser Menschenrechtsverletzung sind gravierend, sowohl für die betroffenen Frauen als auch für die ganze Gesellschaft. Durch den Krieg in Bosnien Herzegowina ist dieses Thema wieder mehr ins Licht der Öffentlichkeit gerückt. Einen Zugang zu diesen Frauen und eine sinnvolle therapeutische Unterstützung zu finden ist eine wichtige Aufgabe. In Zusammenarbeit mit der Frauenhilfsorganisation medica mondiale e.V. untersuchen wir die bisher geleistete therapeutische Arbeit eines Therapiezentrums in Bosnien-Herzegowina.

Gesundheitliche Folgen von Krieg und Trauma

Medizin und Menschenrechtsverletzungen in Südamerika

Während der 1960er und 70er Jahre fand in Südamerika eine Reihe von Militärputschen statt, die zur Errichtung autoritärer oder diktatorischer Regime führte. In der Folge kam es in den lateinamerikanischen Staaten zu vielfältigen Menschenrechtsverletzungen, Folter und Ermordung von Missliebigen aus politischen Motiven. Es gibt viele Fälle, in denen sich Ärzte an Menschenrechtsverletzungen aktiv oder passiv – zum Beispiel durch Beteiligung an Folterungen oder das Ausstellen von falschen Gutachten bzw. Todesscheinen – beteiligt haben.

Der Arbeitsschwerpunkt befasst sich mit den historischen und moralischen Aspekten ärztlicher Tätigkeit im Spannungsfeld zwischen Berufsethos und staatlichen Repressionen. Es wird der Frage nachgegangen, wie sich die Menschenrechte und die Verletzung der Ethik auf z. B. internationaler Ebene des Weltärztebunds manifestiert haben, aber auch wie ärztliche Hilfe und Unterstützung für Ärzte, die sich weigern an grausamer Behandlung teilzunehmen sowie für Folteropfer möglich ist.

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